Einer meiner langjährigen Träume war es, einen Hund zum Therapiehund auszubilden und das Tier bei meiner Arbeit als Physiotherapeutin einzusetzen. Diese Idee hat nach und nach Form angenommen. Nach reiflicher Überlegung, welcher Hund geeignet sein könnte, wo ich die Ausbildung mit ihm durchlaufen möchte und Absolvieren zahlreicher Prüfungen, arbeiten Hannes und ich nun Seite an Seite.

Hannes ist ein dreijähriger Flat Coated Retriever Rüde, der seit seinem Welpenalter bei mir lebt. Von Anfang an war er mit im Einsatz. Das bedeutete zunächst, kurze Einheiten, die lediglich dazu dienten, ihn an bestimmte Situationen im Zusammenhang mit Patienten, deren Eigenarten und diverse Hilfsmittel zu gewöhnen. Hannes hat dadurch frühzeitig gelernt, keine Scheu vor Rollstühlen, Gehilfen, Beatmungsmaschinen und Menschen zu haben, die ungewohnte Lautäußerungen von sich geben.

Nach der Grundausbildung in einer ortsansässigen Hundeschule haben wir bei Social Dogs die Therapiehunde-Team Ausbildung durchlaufen.

Hier liegen auch einige Unterschiede, die zu beachten sind.

Es gibt die Möglichkeit, als Besuchshund- Team oder Therapiehund- Team zu agieren.

Ein Besuchshund- Team besteht aus einem speziell ausgebildeten Hund und dessen Hundehalter, der in diesem Falle keine Fachausbildung im medizinischen, pädagogischen oder therapeutischen Bereich absolviert hat.

Beim Therapiehund- Team hat der Hund eine Spezialausbildung und der Halter eine Fachausbildung in einem der genannten Bereiche.

Die Spezialausbildung zum Hunde-Team durchlaufen Hund und Halter in der Regel gemeinsam. Allerdings ist das abhängig vom Ausbildungskonzept. Sicherlich gibt es auch andere Ansätze und Möglichkeiten.

Im Gegensatz zu ausgebildeten Teams kommt es immer häufiger vor, dass Privatleute mit ihren Tieren in Einrichtungen gehen, um den Bewohnern Gutes zu tun. In einigen Fällen mag das zutreffen. Ich bitte aber zu bedenken, ob über mögliche Komplikationen hinreichend nachgedacht wird.

In den Ausbildungen wird speziell darauf geachtet, ob und für welche Einsatzbereiche der Hund geeignet ist. Die Halter werden geschult, zu erkennen, wann ein Hund mit einer Situation überfordert ist. Sie lernen, Stresssymptome wahrzunehmen und somit mögliche Konflikte zu vermeiden.

Weiterhin wird vermittelt, wie eine Einheit gestaltet werden kann, damit Teilnehmer und Hund Freude daran haben. Wie können Förderungen bzw. Lerneffekte erzielt werden. Es soll ja nicht ausschließlich ein Streicheln des Hundes stattfinden. Es wird geschult, wie geschickt Pausenzeiten für das Tier eingebaut werden können, ohne die Einheit zu stören.

Leider werden diese Aspekte häufig nicht bedacht, wenn Halter und Hund einfach losziehen. Es ist aber auch sehr verführerisch, wenn der Hund nichts tut und es scheint, als hätte er viel Freude daran, sich streicheln zu lassen und zu allen Menschen Kontakt aufzunehmen.

Vorsicht bitte, manchmal scheint das wirklich nur so und der Halter liest sein Tier nicht richtig.

Ich möchte es gar nicht verteufeln, dass Besuche mit Tieren in Einrichtungen stattfinden. Mir ist es lediglich wichtig, darauf hinzuweisen, einen Besuch gut zu durchdenken. Der Schutz des Tieres und des Menschen sollte an erster Stelle stehen.

Ebenso_ sollte daran gedacht werden, wie die Versicherungssituation geregelt ist, ob notwendige Impfungen und Entwurmungen auf dem aktuellen Stand sind und Hygienevorschriften bedacht werden.

Das ist manchmal ein bisschen lästig, aber die tiergestützte Arbeit gewinnt dadurch an Qualität und Seriosität.

Und wie schnell sind weitere Einsätze eines Tieres in einer Einrichtung gefährdet, wenn erst einmal etwas schiefgelaufen ist!

Nachdem ich das alles für meine Arbeit hinterfragt und geregelt habe, ist Hannes nun regelmäßig im Einsatz.

Hannes´ Hauptarbeitsfeld sind Therapieeinheiten mit Kindern. Hier wirkt er wie ein Türöffner und ich habe häufig einen schnelleren Zugang zu den Patienten. Außerdem erledigen Kinder die von ihnen geforderten Übungen viel lieber und intensiver, wenn sie sie für oder mit Hannes durchführen.

Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass alle rufen „Hannes ist da! Hallo Hannes!“, wenn wir um die Ecke biegen. Ich bin da häufig nur noch Nebensache. Trotzdem sollte darauf geachtet werden, dass das Tier ein Assistent ist und in der Therapie verzichtbar bleibt. Es kann immer einmal vorkommen, dass der Hund an einem Tag nicht einsatzfähig ist und die Therapie trotzdem stattfinden muss.

Beeindruckend an Hannes ist, dass er ein Gespür für den Menschen hat, mit dem er grade arbeitet. So passt er sein eigenes Temperament dem Teilnehmer an. Wenn wir z.B. bei Kindern mit schweren körperlichen und geistigen Defiziten sind, bewegt er sich langsamer oder legt sich direkt zu ihnen, wenn er die Erlaubnis bekommt. Durch den Körperkontakt zu Hannes und seine gleichmäßigen Atemzüge entspannen sich die Patienten. Ihr häufig sehr hoher Muskeltonus wird weniger und sie lassen sich besser durchbewegen. Auch die Berührungen durch die Hundeschnauze oder Pfote führt in vielen Fällen dazu, dass die Patienten lockerer werden. Das erleichtert mir meine physiotherapeutische Arbeit. Nach Aussagen der Pflegekräfte und Angehörigen, hält der entspannte Zustand auch nach dem Hundebesuch noch längere Zeit des Tages an.

Der Gemütszustand der Teilnehmer oder Patienten ändert sich meist durch den Einsatz des Hundes. Die Konzentrationsfähigkeit ist gesteigert und die Motivation, mitzuarbeiten, ist stärker.

Und_ sie wirken oft einfach fröhlicher beim Anblick des Hundes.

Daran habe ich mich ebenfalls gewöhnt!

Das alles ist auch nicht abhängig von der Altersklasse der Teilnehmer.

Ein Besuch im Seniorenheim ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Pflegekräfte und Betreuer haben mir ca. 15 Senioren in den Aufenthaltsraum gebracht und in einer Runde platziert.

Ein Teil der Gruppe litt an Demenz, einige waren geistig noch sehr fit. Körperliche Einschränkungen unterschiedlichster Art hatten alle.

Hannes ist zur Begrüßung zu jedem hingegangen. Im Anschluss hat er kleine Buchstabensäckchen zu den Senioren getragen. Es wurden dann Wörter gesucht, die mit den jeweiligen Buchstaben anfingen.

Alle, sogar die Bewohner mit starken geistigen Defiziten, haben sich mit ihren Möglichkeiten beteiligt. Wir hatten den Eindruck, sie irgendwie aufgeweckt zu haben.

Dieser Nachmittag hat mir einmal mehr gezeigt, dass der Zugang und die Motivation, die durch ein Tier geschaffen werden können, sehr hoch sind.

Ich würde mir wünschen, dass die tiergestützte Arbeit in seriöser gut durchdachter Weise viel mehr in Seniorenheimen und anderen Betreuungseinrichtungen zum Einsatz kommt und die positive Wirkung, die von einem Tier ausgehen kann, mehr Menschen zu Gute kommt.

Ich kann nur hoffen, dass sich viel mehr Leitungen von Einrichtungen und ihre Träger über die tiergestützte Arbeit informieren und einen Versuch wagen werden.

Sandra Richter

PerroActivo

Aktuelles von Hannes gibt es unter:

www.perroactivo.de

oder

Facebook: Hannes, Therapiehund